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 2011 verdammte konstruktion  ·  neue galerie landshut
martin dessecker
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Franz Schneider, Neue Galerie Landshut, Blick in die Ausstellung „Verdammte Konstruktion“

Ausstellung ist beinahe der falsche Begriff, um alles zu beschreiben, was sich auf diesen beiden Etagen abspielt. Wie ein barockes Gesamtkunstwerk überwältigt uns vor allem die Rauminstallation Martin Desseckers im oberen Stockwerk. Es ist nicht nur diese überbordende Fülle, die schier unüberblickbar scheint; sie ist vielmehr so gestaltet, dass sie für uns in jedem einzelnen Detail funktioniert. Scheinbar Disparates eröffnet neue Sichtweisen und die Möglichkeit, immer neue Bezüge herzustellen.

Kaum meint man, man hätte die Installation erfasst, da verändert sich ein wenig unser Standpunkt - und damit auch unsere Wahrnehmung. Und selbst wenn wir still stehen und einen festen Punkt ins Auge fassen, haben wir den Eindruck, dass die gesamte Konstruktion wie ein Organismus sich beinahe unmerklich bewegt.

Mit unterschiedlichen Mitteln und Kunstgriffen vollzieht sich hier ständig Veränderung. Da sind die beweglichen Aufhängungen, die transparenten oder transluzenten Teile, die mit jedem Schritt neue Konstellationen der Einzelheiten bewirken. Da sind die spiegelnden Momente, die nicht nur die Details der Installation unendlich vervielfachen, sondern auch die Umgebung - ja selbst den Außenraum mit einbinden. Sie formulieren diesen Raum als Schattenwurf oder Lichtspiel an der Wand in gebrochener Weise noch einmal neu.

Schließlich ist es der Betrachter selbst, der in der Installation als zurückgeworfenes Spiegelbild, oder als Movens wiederum die Teile in Bewegung setzt. Das gleicht einem nächtlichen Pingpong-Spiel, das durch ein Detail angestoßen eine wahre Kettenreaktion aus Beobachtung, Wahrnehmungsblitzen und Assoziationsfeuern auslöst.

Nicht nur die unterschiedlichen und nie ganz zu Ende definierten Formen, nicht nur das Spiel von Licht, Reflexion und Schatten, sondern auch das Material trägt zu diesem assoziativen Gewitter bei. Entweder es entspricht nicht unseren Erwartungen an edles Kunstmaterial, wie das verwendete Plexiglas oder die Pappteilchen. Oder es gibt vor, kein solches zu sein: Was nämlich aussieht, wie Styroporreste, gehärteter PU-Schaum oder langsam schmelzendes Eis, ist in Wirklichkeit sorgsam gefasstes Holz, sind Skulpturen, die in einem langwierigen Prozess aus einem einzelnen Stück Holz gearbeitet wurden.

Es sind „Verdammte Konstruktionen“, wie Martin Dessecker sie nennt, die den Widerspruch zwischen ihren natürlichen und technoiden Anteilen weder auflösen noch versöhnen, sondern die gerade diesen Widerspruch, diese Nicht-Auflösbarkeit implizit formulieren.

Das ist bereits auf den Zeichnungen zu sehen, wo konstruktive Fraktale nicht an die unendliche Feinheit der Schmauchspur eines Kerzenrauchs heranreichen und doch ihr in einer modellhaften Struktur gleichen. So changieren all diese zwei- und dreidimensionalen Konstruktionen stets zwischen mechanischen und organischen Besetzungen, zwischen Technik und Natur.

Es mutieren die Versorgungs-Kabel der LED-Lampen zu Nerven- oder Wurzelsträngen. Die Körpermodelle von Blutkreislauf und Muskelmechanik geben ihre konstruktive, schnittbogenhafte Gemachtheit wieder preis. Zuweilen gibt es Gegenstände, welche allein durch die assoziative Kraft des Betrachters mit Funktion und Bedeutung versehen, aber nur durch wildes Denken einer Kategorisierung zugeführt werden können.

Bewegung und Beweglichkeit des Betrachters ist immer gefordert. Auch bei den figurativ-epischen „Pappcomics“ verändert ein Ausfallschritt des Betrachters die gesamte Szenerie und setzt dessen frei flottierende Verknüpfung mit dem eigenen Ikonenschatz in Gang: Die Wahrnehmung dieser Ausstellung führt nie zu einem Ende.

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